Review Pet
Mein Senf zu Pet
Es hat Spaß gemacht Per nochmal zu lesen. Ich mag den Schreibstil (und den immer wieder eingestreuten Humor sehr).
Ist dieses Buch ein Solarpunk Buch? Mmn Jein
Das Solarpunk Genre ist prinzipiell eher in der science fiction verortet und kommt daher ohne Fantasy Elemente/höhere Mächte aus. Pet ist definitiv eine höhere Macht.
Es fehlt außerdem der klassische "Solarpunk-Wortsalat" (hydroponische Spinattürme, Gewächshäuser, Solarplatten, Reparatur-irgendwas...).
Gleichzeitig finde ich liest sich für mich die Gesellschaft der in Lucille lebenden Menschen sehr "urban Solarpunk kompatibel".
Die Hauptperson ist Jam, eine von mir als ziemlich sicher autistisch gelesene schwarze Transfrau. Jam kommuniziert mit den meisten Menschen fast ausschließlich nonverbal über Gebärdensprache. Nur mit Menschen denen sie sehr nahe steht wechselt sie öfter Worte.
Ich mag Jam sehr gerne. Zum einen weil ihre Wahrnehmung der Lage wahnsinnig schön beschrieben ist, zum anderen weil sie Mal so das absolute Gegenteil des "Standard weißen cis Mann Hauptcharakters" ist.
Was ich außerdem liebe ist, dass keines dieser Merkmale für sie Ausgrenzung bedeutet. Als sie im Kleinkindalter ihr coming out hat, ist die Reaktion der Eltern einfach nur ein "ach daran hat das gelegen" (in Form von sie erhält keinen Hass) und Jam erhält die volle Unterstützung die sie braucht inklusive Hormone. Als sie eine geschlechtsangleichende Operation möchte ist die Reaktion ihres Vaters, dass er fragt ob sie weiß dass sie auch wenn sie diese nicht machen lässt eine Frau ist und dann ein gewähren lassen, nachdem sie sagt dass sie die Operation trotzdem möchte. Jam ist trans, sie darf auch trans sein und bekommt von ihrem Umfeld volle Unterstützung und gleichzeitig ist ihr trans sein nicht der zentrale Plotpunkt der Handlung. Ich liebe es sehr.
Ähnlich ist es bei ihrem vermutlichen Autismus. Jam ist quasi nonverbal und ihr Umfeld reagiert darauf, dass sie ihr Gebärden beibringen (und diese vermutlich selbst lernen). Auch nicht familiäre Orte sind auf ihre Neurodivergenz angepasst. Sie besucht dieselbe Schule wie Redemption, daher ist davon auszugehen, dass diese an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Genauso kommuniziert sie in der Bibliothek mit dem Bibliothekar in Gebärden. Man kann daher davon ausgehen dass die luciller Bevölkerung offenbar Basics in Verständigung mit z.B. nonverbalen Personen standardmäßig beherrscht. Das klingt wahnsinnig inklusiv. Aber auch das ist wieder nicht der zentrale Plotpunkt.
Genauso wenig wie Jams Schwarzsein (ich glaube das Aussehen wird in dieser Hinsicht bei keiner Person beschrieben. Wir haben zum Teil ein paar Sprechweisen die Schwarz gecoded sind. Mein Kopf hat jede einzelne Person in dem Buch schwarz gemacht, gleichzeitig ist es einfach schön, dass das in diesem Buch keine Rolle spielt).
Der Plot kommt ziemlich in Fahrt als Jam aus Versehen Pet in ihre Welt holt. Jams Mutter Bitter ist in der Lage Mithilfe ihrer Bilder ein Portal zu schaffen das mit ein bisschen Blut aktiviert werden kann (Awaeke Emezi hat ein Prequel geschrieben: Bitter, falls es jemanden interessiert). Auf mich wirkt es so als wäre Pet dabei in der Lage gewesen das Geschehen subtil zu beeinflussen. Bitter hat die Wochen davor vollkommen besessen an diesem Bild gemalt und Rasierklingen in das Gemälde eingearbeitet, sodass eine falsche Berührung reicht um Blut auf das Bild zu bringen. Was dann eben auch passiert.
Worüber ich länger nachgedacht habe ist, ob ich Pet als manipulativ beschreiben würde. Zum einen eben weil es so wirkt als hätte es bei der Entstehung des Portals nachgeholfen. Aber auch, will es Jam dann erstmal bittet die Schlinge um dessen Horn zu lösen. Ich habe mich beim Lesen gefragt ob das eine Art Fessel war, die Pet am Verlassen von dessen Dimension hindern soll. Auch danach sieht Pet in seiner Anwesenheit nur einen Zweck: die Jagd. Alles was es und Jam tun soll dem Zweck dienen die Jagd voranzutreiben. Pet beschreibt es als ein Hungergefühl. Dessen Gedanken werden von dem Hunger auf Jagd komplett verzehrt und eingenommen. Und insgesamt ist es sehr klar dass es ein Wesen mit völlig anderer Denkstruktur ist als ein Mensch. Die Andersartigkeit wird auch durch das Fehlen von Augen und insgesamt durch die völlig außerirdische Form verdeutlicht (wobei Pet die "Intensität" seines Aussehens ein Stück weit anpassen kann). Es sagt Dinge zu Jam die sie drängen die Jagd fortzusetzen auch wenn sie gerade eigentlich nicht will und ihre Eltern zu belügen (und ist cool damit, im Gegensatz dazu als Jam Redemption nicht alles erzählt. Lügen zu bewerten ist wohl sehr abhängig davon ob die Lügen einem erfolgreichen Ausgang der Jagd dienen). Gleichzeitig achtet es sehr darauf, dass es Jam gut geht. Als ihre Eltern streiten weil Pet in ihre Welt gefunden hat, ist es die Person die Jams Eltern darauf aufmerksam macht dass Jam gerade unter dem Streit leidet. Auch später als Jam unter einer Panikattacke leidet beruhigt es sie.
Pet ist also vollkommen von der Jagd besessen und bereit zu manipulieren, um seine Ziele zu erreichen, gleichzeitig ist es Pet aber auch wichtig, dass es den Jagdenden gut geht. Und Pet lässt mit sich reden. Siehe kurz nach dem entscheidenden Bibliotheksbesuch und im Finale.
Jam vertraut Pet so ziemlich sofort und es fühlt sich sicher an für sie. Das Verhältnis der beiden ist sehr wild. Pet ist ein körperlich deutlich überlegenes, monsterhaft aussehendes, von der Jagd besessenes "Engelswesen", das aber auf sie aufpasst und für ihre körperliche und emotionale Sicherheit sorgt.
Jam verheimlicht ihren Eltern, dass sie Pet nicht zurückgeschickt hat und weiht Redemption ein. Nach einer Bibliotheksrecherche findet Redemption die entscheidenden Hinweise, dass sein kleiner Bruder vermutlich sexuellen Kindesmissbrauch erfährt. Nach einem dicken Streit, weil Jam Redemption verheimlicht hat, dass sie weiß, dass das menschliche Monster in seinem Haus ist, vertragen sich die beiden und planen eine gemeinsame Falle für den Täter, Redemptions Onkel und Trainer.
Die Falle klappt und Pet will den Onkel töten. Redemption ist dem gegenüber offen, Jam ist kategorisch dagegen. Zum einen will sie nicht dass getötet wird, zum anderen meint sie, dass dann die Gesellschaft von Lucille nichts aus diesem Fall lernen kann.
Nach einigem hin und her (der Onkel streitet erst einmal alles ab und versucht seine Position als Autorität zu nutzen, um die beiden abzuwimmeln) nutzt Pet seine Fähigkeiten und zeigt dem Onkel (Hibiscus) seine wahre Form. Es wird dabei darauf abgespielt, dass Pet ein biblisch akkurater Engel sein könnte (was ich etwas merkwürdig finde, in anderen Büchern verwendet Awaeke Emezi Gottheiten aus der Igbo Kultur aus der they unter anderem stammt).
Die wahre Gestalt von Pet brennt Hibiscus die Augen aus und traumatisiert ihn auf heftigste. Er will alles aussagen wenn er dafür nur nie wieder in Pets Nähe kommen muss.
Durch seine und die Aussagen der Hauptfiguren kommt Hibiscus (mit seiner Frau Glass, die ihn gedeckt hat) vor Gericht und der Ältestenrat beschließt, dass er offensichtlich noch einiges zu tun hat, wenn er die Stadt monsterfrei halten will.
Die Fähigkeit von Pet und anderen "Engeln" die menschlichen Monster sicher erkennen und aussortieren zu können ist klar in der Fantasy zu verorten. Wie Pet selbst sagt, ist es unmöglich ein Monster von außen zu erkennen weil Monster nach nichts aussehen. Gleichzeitig ist eine Unterscheidung in Monster und nicht Monster sehr dichotom. Wo zieht man die Grenze? Ist jemand, der vor 20 Jahren vergewaltigt hat, sich seitdem in Therapie begangen, aber nie juristisch für seine Taten belangt wurde ein Monster? Jemand der einer Kollegin auf den Hintern gehauen und anzügliche Kommentare gemacht hat? Jemand der Fantasien über Vergewaltigungen hat aber (noch) nichts in die Richtung gemacht hat? Versteht mich nicht falsch, ich finde alle 3 hypothetischen Personen sehr sehr unsympathisch, aber wo ist die Grenze ab der man eine Person im "Umerziehungslager" inhaftiert und wo nicht? Das ist eine Grenze, die man in echt quasi nicht definieren kann und Engel die das für einen übernehmen ist halt ein bisschen einfach gedacht (keine Kritik an der Autoryperson, es ist nur nicht ohne weiteres ins echte Leben übertragbar). Das was Pet am Ende macht würde man, wenn es ein Mensch macht Folter nennen. Das Geständnis von Hibiscus ist am Ende des Tages eines das durch Folter und der Wiederandrohung von Folter bei "noncompliance" erwirkt wird.
Was für mich die Frage aufwirft, ob Lucille eine Utopie ist.
Und ganz ehrlich ich kann es schwer beantworten. Was mir immer wieder in den Kopf schießt ist ein Zitat von Thomas Brandt: "Staatsformen mit einem zu positiven Menschenbild enden in Staatsterrorismus." Gemeint ist damit, dass ein Staat, wenn er ein zu positives Bild von seiner Bevölkerung hat, Staatsterrorismus begehen muss, um zu erreichen, dass die Bürger*innen diesem Menschenbild entsprechen (was machst du mit Porsche Christian, wenn Porsche Christian keinen Bock hat seine Arbeitskraft und seine Ressourcen dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen? ). Ich bin kein Fan von Staatsformen die auf den Einsatz von Lagern / an die Wand stellen angewiesen sind (ich bin mir bewusst, dass von der Erhaltung des ist Zustands im hier und jetzt durchaus auch Gewalt ausgeht, auch wenn diese meist schlechter sichtbar ist. Ich finde den massiven Einsatz von Lagern trotzdem noch eine andere Qualität). Nachdem Jam ein Kind von der Zeit nach der Revolution ist, sind vermutlich 15-20 Jahre seit der Revolution und anschließenden "Säuberung" vergangen und es sitzt trotzdem noch ein signifikanter Teil im "Umerziehungslager". Daraus lässt sich entweder schließen dass Menschen nicht belehrt werden können, Umerziehung mit anschließender Wiedereingliederung nie das Ziel war oder die Luciller Bevölkerung extrem schlecht im Umerziehen ist. Plus wir haben nur einen Bericht einer Person die nur Lucille kennt. Theoretisch könnte die Welt in diesem Buch also auch eine Art "woke Hunger Games Welt nur ohne Hunger Games" sein (ein überwiegender Teil der Bevölkerung sitzt im "Umerziehungslager" und erarbeitet dort den Wohlstand für die Bevölkerung Lucilles).
Ich weiß nicht wie man eine Gesellschaft ideal gestalten könnte, wenn man einmalig auf magische Weise die Gelegenheit hat alle "Monster" herauszufiltern. Aber 15 Jahre später sitzt ein signifikanter Teil noch im Lager klingt nicht nach einer optimalen Lösung.
Lucille selbst, wenn man die Lager ausklammert klingt dafür richtig toll. Ich finde keine einzige Person (außer Hibiscus) die sich toxisch verhält, alle nehmen Rücksicht auf die Besonderheiten der anderen, man scheint sich sehr frei entfalten zu können und die Gesellschaft scheint wohlhabend genug, damit niemand Dinge tun muss die diese Person nicht will (Bitter ist Künstlerin, Aloe Krankenpfleger und "trotzdem" wohnen beide in einem ausreichend großen Haus und nichts deutet auf Ressourcenknappheit hin.) Queere Personen sind fester Teil der Gesellschaft, wir bekommen keinen Rassismus oder Ableismus mit und Jam und Redemption sind absolut schockiert, als sie in der Bibliothek über Dinge wie Vernachlässigung von Kindern etc erfahren, was darauf hindeutet, dass diese Dinge einfach nirgends mehr geschehen (sofern der Rest von Lucille genauso privilegiert ist wie die Familien der beiden).
Die biblische Färbung von Pet und den anderen "Engeln" ist nicht so mein Ding weil es eben bedeutet, dass die Menschen sich nicht "selbst" befreit haben.
Das klingt vielleicht so als wäre ich sehr kritisch mit dem Buch. Ich mag Pet sehr gern. Allein schon weil es einen positiven Entwurf einer Gesellschaft zeichnet, die gleichberechtigt mit Zugang für alle existiert und zeigt was möglich sein könnte (wenn man die Lager ausklammert oder diese eher die Rolle und "Größe" einnehmen, die heute Gefängnisse in etwa spielen). Die "Engel" machen die Separation der "Monster" natürlich etwas einfach und sehr dichotom. Aber ich liebe auch, dass Utopie (falls Lucille denn eine ist) eben kein starrer Zustand ist, sondern auch von Veränderung geprägt. Die Gesellschaft wirkt auch insgesamt etwas sehr von den "Älteren" geprägt (auch weil die ehemaligen "Revolutionsführenden" quasi die Regierung bilden), diese sind am Ende des Buches aber offensichtlich bereit zuzuhören und zu verändern.
Ist Lucille perfekt? Nein
Kann auch etwas das nicht perfekt ist Inspiration für eine bessere Welt sein? Absolut.
Zuletzt: es freut mich dass zumindest den anderen, die das Buch gelesen und eine Review geschrieben haben das Buch gut gefallen hat, auch wenn es nicht klassisches Solarpunk ist :)
Es hat Spaß gemacht Per nochmal zu lesen. Ich mag den Schreibstil (und den immer wieder eingestreuten Humor sehr).
Ist dieses Buch ein Solarpunk Buch? Mmn Jein
Das Solarpunk Genre ist prinzipiell eher in der science fiction verortet und kommt daher ohne Fantasy Elemente/höhere Mächte aus. Pet ist definitiv eine höhere Macht.
Es fehlt außerdem der klassische "Solarpunk-Wortsalat" (hydroponische Spinattürme, Gewächshäuser, Solarplatten, Reparatur-irgendwas...).
Gleichzeitig finde ich liest sich für mich die Gesellschaft der in Lucille lebenden Menschen sehr "urban Solarpunk kompatibel".
Die Hauptperson ist Jam, eine von mir als ziemlich sicher autistisch gelesene schwarze Transfrau. Jam kommuniziert mit den meisten Menschen fast ausschließlich nonverbal über Gebärdensprache. Nur mit Menschen denen sie sehr nahe steht wechselt sie öfter Worte.
Ich mag Jam sehr gerne. Zum einen weil ihre Wahrnehmung der Lage wahnsinnig schön beschrieben ist, zum anderen weil sie Mal so das absolute Gegenteil des "Standard weißen cis Mann Hauptcharakters" ist.
Was ich außerdem liebe ist, dass keines dieser Merkmale für sie Ausgrenzung bedeutet. Als sie im Kleinkindalter ihr coming out hat, ist die Reaktion der Eltern einfach nur ein "ach daran hat das gelegen" (in Form von sie erhält keinen Hass) und Jam erhält die volle Unterstützung die sie braucht inklusive Hormone. Als sie eine geschlechtsangleichende Operation möchte ist die Reaktion ihres Vaters, dass er fragt ob sie weiß dass sie auch wenn sie diese nicht machen lässt eine Frau ist und dann ein gewähren lassen, nachdem sie sagt dass sie die Operation trotzdem möchte. Jam ist trans, sie darf auch trans sein und bekommt von ihrem Umfeld volle Unterstützung und gleichzeitig ist ihr trans sein nicht der zentrale Plotpunkt der Handlung. Ich liebe es sehr.
Ähnlich ist es bei ihrem vermutlichen Autismus. Jam ist quasi nonverbal und ihr Umfeld reagiert darauf, dass sie ihr Gebärden beibringen (und diese vermutlich selbst lernen). Auch nicht familiäre Orte sind auf ihre Neurodivergenz angepasst. Sie besucht dieselbe Schule wie Redemption, daher ist davon auszugehen, dass diese an ihre Bedürfnisse angepasst ist. Genauso kommuniziert sie in der Bibliothek mit dem Bibliothekar in Gebärden. Man kann daher davon ausgehen dass die luciller Bevölkerung offenbar Basics in Verständigung mit z.B. nonverbalen Personen standardmäßig beherrscht. Das klingt wahnsinnig inklusiv. Aber auch das ist wieder nicht der zentrale Plotpunkt.
Genauso wenig wie Jams Schwarzsein (ich glaube das Aussehen wird in dieser Hinsicht bei keiner Person beschrieben. Wir haben zum Teil ein paar Sprechweisen die Schwarz gecoded sind. Mein Kopf hat jede einzelne Person in dem Buch schwarz gemacht, gleichzeitig ist es einfach schön, dass das in diesem Buch keine Rolle spielt).
Der Plot kommt ziemlich in Fahrt als Jam aus Versehen Pet in ihre Welt holt. Jams Mutter Bitter ist in der Lage Mithilfe ihrer Bilder ein Portal zu schaffen das mit ein bisschen Blut aktiviert werden kann (Awaeke Emezi hat ein Prequel geschrieben: Bitter, falls es jemanden interessiert). Auf mich wirkt es so als wäre Pet dabei in der Lage gewesen das Geschehen subtil zu beeinflussen. Bitter hat die Wochen davor vollkommen besessen an diesem Bild gemalt und Rasierklingen in das Gemälde eingearbeitet, sodass eine falsche Berührung reicht um Blut auf das Bild zu bringen. Was dann eben auch passiert.
Worüber ich länger nachgedacht habe ist, ob ich Pet als manipulativ beschreiben würde. Zum einen eben weil es so wirkt als hätte es bei der Entstehung des Portals nachgeholfen. Aber auch, will es Jam dann erstmal bittet die Schlinge um dessen Horn zu lösen. Ich habe mich beim Lesen gefragt ob das eine Art Fessel war, die Pet am Verlassen von dessen Dimension hindern soll. Auch danach sieht Pet in seiner Anwesenheit nur einen Zweck: die Jagd. Alles was es und Jam tun soll dem Zweck dienen die Jagd voranzutreiben. Pet beschreibt es als ein Hungergefühl. Dessen Gedanken werden von dem Hunger auf Jagd komplett verzehrt und eingenommen. Und insgesamt ist es sehr klar dass es ein Wesen mit völlig anderer Denkstruktur ist als ein Mensch. Die Andersartigkeit wird auch durch das Fehlen von Augen und insgesamt durch die völlig außerirdische Form verdeutlicht (wobei Pet die "Intensität" seines Aussehens ein Stück weit anpassen kann). Es sagt Dinge zu Jam die sie drängen die Jagd fortzusetzen auch wenn sie gerade eigentlich nicht will und ihre Eltern zu belügen (und ist cool damit, im Gegensatz dazu als Jam Redemption nicht alles erzählt. Lügen zu bewerten ist wohl sehr abhängig davon ob die Lügen einem erfolgreichen Ausgang der Jagd dienen). Gleichzeitig achtet es sehr darauf, dass es Jam gut geht. Als ihre Eltern streiten weil Pet in ihre Welt gefunden hat, ist es die Person die Jams Eltern darauf aufmerksam macht dass Jam gerade unter dem Streit leidet. Auch später als Jam unter einer Panikattacke leidet beruhigt es sie.
Pet ist also vollkommen von der Jagd besessen und bereit zu manipulieren, um seine Ziele zu erreichen, gleichzeitig ist es Pet aber auch wichtig, dass es den Jagdenden gut geht. Und Pet lässt mit sich reden. Siehe kurz nach dem entscheidenden Bibliotheksbesuch und im Finale.
Jam vertraut Pet so ziemlich sofort und es fühlt sich sicher an für sie. Das Verhältnis der beiden ist sehr wild. Pet ist ein körperlich deutlich überlegenes, monsterhaft aussehendes, von der Jagd besessenes "Engelswesen", das aber auf sie aufpasst und für ihre körperliche und emotionale Sicherheit sorgt.
Jam verheimlicht ihren Eltern, dass sie Pet nicht zurückgeschickt hat und weiht Redemption ein. Nach einer Bibliotheksrecherche findet Redemption die entscheidenden Hinweise, dass sein kleiner Bruder vermutlich sexuellen Kindesmissbrauch erfährt. Nach einem dicken Streit, weil Jam Redemption verheimlicht hat, dass sie weiß, dass das menschliche Monster in seinem Haus ist, vertragen sich die beiden und planen eine gemeinsame Falle für den Täter, Redemptions Onkel und Trainer.
Die Falle klappt und Pet will den Onkel töten. Redemption ist dem gegenüber offen, Jam ist kategorisch dagegen. Zum einen will sie nicht dass getötet wird, zum anderen meint sie, dass dann die Gesellschaft von Lucille nichts aus diesem Fall lernen kann.
Nach einigem hin und her (der Onkel streitet erst einmal alles ab und versucht seine Position als Autorität zu nutzen, um die beiden abzuwimmeln) nutzt Pet seine Fähigkeiten und zeigt dem Onkel (Hibiscus) seine wahre Form. Es wird dabei darauf abgespielt, dass Pet ein biblisch akkurater Engel sein könnte (was ich etwas merkwürdig finde, in anderen Büchern verwendet Awaeke Emezi Gottheiten aus der Igbo Kultur aus der they unter anderem stammt).
Die wahre Gestalt von Pet brennt Hibiscus die Augen aus und traumatisiert ihn auf heftigste. Er will alles aussagen wenn er dafür nur nie wieder in Pets Nähe kommen muss.
Durch seine und die Aussagen der Hauptfiguren kommt Hibiscus (mit seiner Frau Glass, die ihn gedeckt hat) vor Gericht und der Ältestenrat beschließt, dass er offensichtlich noch einiges zu tun hat, wenn er die Stadt monsterfrei halten will.
Die Fähigkeit von Pet und anderen "Engeln" die menschlichen Monster sicher erkennen und aussortieren zu können ist klar in der Fantasy zu verorten. Wie Pet selbst sagt, ist es unmöglich ein Monster von außen zu erkennen weil Monster nach nichts aussehen. Gleichzeitig ist eine Unterscheidung in Monster und nicht Monster sehr dichotom. Wo zieht man die Grenze? Ist jemand, der vor 20 Jahren vergewaltigt hat, sich seitdem in Therapie begangen, aber nie juristisch für seine Taten belangt wurde ein Monster? Jemand der einer Kollegin auf den Hintern gehauen und anzügliche Kommentare gemacht hat? Jemand der Fantasien über Vergewaltigungen hat aber (noch) nichts in die Richtung gemacht hat? Versteht mich nicht falsch, ich finde alle 3 hypothetischen Personen sehr sehr unsympathisch, aber wo ist die Grenze ab der man eine Person im "Umerziehungslager" inhaftiert und wo nicht? Das ist eine Grenze, die man in echt quasi nicht definieren kann und Engel die das für einen übernehmen ist halt ein bisschen einfach gedacht (keine Kritik an der Autoryperson, es ist nur nicht ohne weiteres ins echte Leben übertragbar). Das was Pet am Ende macht würde man, wenn es ein Mensch macht Folter nennen. Das Geständnis von Hibiscus ist am Ende des Tages eines das durch Folter und der Wiederandrohung von Folter bei "noncompliance" erwirkt wird.
Was für mich die Frage aufwirft, ob Lucille eine Utopie ist.
Und ganz ehrlich ich kann es schwer beantworten. Was mir immer wieder in den Kopf schießt ist ein Zitat von Thomas Brandt: "Staatsformen mit einem zu positiven Menschenbild enden in Staatsterrorismus." Gemeint ist damit, dass ein Staat, wenn er ein zu positives Bild von seiner Bevölkerung hat, Staatsterrorismus begehen muss, um zu erreichen, dass die Bürger*innen diesem Menschenbild entsprechen (was machst du mit Porsche Christian, wenn Porsche Christian keinen Bock hat seine Arbeitskraft und seine Ressourcen dem Gemeinwohl zur Verfügung zu stellen? ). Ich bin kein Fan von Staatsformen die auf den Einsatz von Lagern / an die Wand stellen angewiesen sind (ich bin mir bewusst, dass von der Erhaltung des ist Zustands im hier und jetzt durchaus auch Gewalt ausgeht, auch wenn diese meist schlechter sichtbar ist. Ich finde den massiven Einsatz von Lagern trotzdem noch eine andere Qualität). Nachdem Jam ein Kind von der Zeit nach der Revolution ist, sind vermutlich 15-20 Jahre seit der Revolution und anschließenden "Säuberung" vergangen und es sitzt trotzdem noch ein signifikanter Teil im "Umerziehungslager". Daraus lässt sich entweder schließen dass Menschen nicht belehrt werden können, Umerziehung mit anschließender Wiedereingliederung nie das Ziel war oder die Luciller Bevölkerung extrem schlecht im Umerziehen ist. Plus wir haben nur einen Bericht einer Person die nur Lucille kennt. Theoretisch könnte die Welt in diesem Buch also auch eine Art "woke Hunger Games Welt nur ohne Hunger Games" sein (ein überwiegender Teil der Bevölkerung sitzt im "Umerziehungslager" und erarbeitet dort den Wohlstand für die Bevölkerung Lucilles).
Ich weiß nicht wie man eine Gesellschaft ideal gestalten könnte, wenn man einmalig auf magische Weise die Gelegenheit hat alle "Monster" herauszufiltern. Aber 15 Jahre später sitzt ein signifikanter Teil noch im Lager klingt nicht nach einer optimalen Lösung.
Lucille selbst, wenn man die Lager ausklammert klingt dafür richtig toll. Ich finde keine einzige Person (außer Hibiscus) die sich toxisch verhält, alle nehmen Rücksicht auf die Besonderheiten der anderen, man scheint sich sehr frei entfalten zu können und die Gesellschaft scheint wohlhabend genug, damit niemand Dinge tun muss die diese Person nicht will (Bitter ist Künstlerin, Aloe Krankenpfleger und "trotzdem" wohnen beide in einem ausreichend großen Haus und nichts deutet auf Ressourcenknappheit hin.) Queere Personen sind fester Teil der Gesellschaft, wir bekommen keinen Rassismus oder Ableismus mit und Jam und Redemption sind absolut schockiert, als sie in der Bibliothek über Dinge wie Vernachlässigung von Kindern etc erfahren, was darauf hindeutet, dass diese Dinge einfach nirgends mehr geschehen (sofern der Rest von Lucille genauso privilegiert ist wie die Familien der beiden).
Die biblische Färbung von Pet und den anderen "Engeln" ist nicht so mein Ding weil es eben bedeutet, dass die Menschen sich nicht "selbst" befreit haben.
Das klingt vielleicht so als wäre ich sehr kritisch mit dem Buch. Ich mag Pet sehr gern. Allein schon weil es einen positiven Entwurf einer Gesellschaft zeichnet, die gleichberechtigt mit Zugang für alle existiert und zeigt was möglich sein könnte (wenn man die Lager ausklammert oder diese eher die Rolle und "Größe" einnehmen, die heute Gefängnisse in etwa spielen). Die "Engel" machen die Separation der "Monster" natürlich etwas einfach und sehr dichotom. Aber ich liebe auch, dass Utopie (falls Lucille denn eine ist) eben kein starrer Zustand ist, sondern auch von Veränderung geprägt. Die Gesellschaft wirkt auch insgesamt etwas sehr von den "Älteren" geprägt (auch weil die ehemaligen "Revolutionsführenden" quasi die Regierung bilden), diese sind am Ende des Buches aber offensichtlich bereit zuzuhören und zu verändern.
Ist Lucille perfekt? Nein
Kann auch etwas das nicht perfekt ist Inspiration für eine bessere Welt sein? Absolut.
Zuletzt: es freut mich dass zumindest den anderen, die das Buch gelesen und eine Review geschrieben haben das Buch gut gefallen hat, auch wenn es nicht klassisches Solarpunk ist :)